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Deine Band Blumfeld hat sich im Mai 2007 nach 17 Jahren aufgelöst. Irgendwo habe ich auch gelesen, dass die Luft raus war. Du bist heute hier als Solokünstler. Wie kommt es, dass Du nicht mit einer neuen Band arbeitest?
Weil das der wahrste Ausdruck der Situation war, in der ich mich nach der Auflösung von Blumfeld befunden habe. Es war gar nicht so, dass ich dachte, die Luft wäre raus, sondern ich hab' beim Zusammenstellen so einer Wiederveröffentlichung unserer ersten drei Schallplatten, nach Abschluss der "Verbotenen Früchte"-Tournee quasi, die vergangenen 16, 17 Jahre überblicken können. Und stellte fest, "Wahnsinn, wie schön das ist, wie das zusammen passt". Und verschiedene andere Gedanken, die ich mir dann dazu gemacht habe. Dann bin ich 'n paar Tage lang damit rumgegangen, und habe auch festgestellt, dass ich woanders angekommen war als Songschreiber, als Sänger. Und ich fand das dann folgerichtig, dem Ausdruck zu verleihen, dass ich meinen eigenen Weg weitergehen werde, unter meinem eigenen Namen.
Wenn jemand etwas hinter sich lässt, so wie Du in diesem Fall Deine Band, hat er ja auch alle Freiheiten und kann etwas ganz Anderes machen. Du hättest ja auch mit einer Bigband spielen, auf Englisch singen, oder House-Tracks machen können. Das hast Du alles aber nicht gemacht. Du bist Deinem Stil treu geblieben.
Zum einen glaube ich, dass man immer da weiter macht, wo man aufgehört hat, zum anderen war es nicht der Grund für mich, die Band aufzulösen, weil ich mit irgendetwas stilistisch nicht zufrieden gewesen wäre. Das waren für mich 16 wundervolle Jahre und eine wunderbare Zeit und ich stehe zu allem, was wir da gemacht haben. Ich hatte keine wirkliche Überlegung, "ah, machst Du jetzt so'n Album oder so'n Album?". Mir ging's eigentlich eher darum, weiter darüber Lieder zu schreiben, was mich berührt, mich bewegt. Meine Songs, so wie ich 16, 17 Jahre vorher meine Songs geschrieben hab'.
Allein auf Dich gestellt - gibt es da Überraschungen?
So viel überrascht mich da nicht, auch nichts, was ich da anekdotisch erzählen könnte. Weil dazu ist das, was ich mit diesem Album "Heavy" jetzt auch tue, eben aus der Kontinuität meiner Arbeit vorher entstanden. Wie kann ich das beschreiben?
Mir ist klar, dass ich die Wege, die ich begehe, die Sachen, die ich mache, das, was ich versuche, mit meiner Musik in meinem Leben, dass es dafür in dem Maße keine Vorbilder, Vorreiter oder Wegbereiter gibt. Dass habe ich vorher schon geahnt, ist mir bei den letzten Platten von Blumfeld schon klar gewesen. Aber durch das Auflösen der Band und das Arbeiten an der Platte ist das zu einer Gewissheit geworden. Und das ist auf der einen Seite etwas, was viel Klarheit schafft, und gleichzeitig ist man allein damit. Aber ich empfinde das jetzt primär erst mal als toll und aufregend und spannend. Es hat sich auch an der Produktionsweise nicht wirklich was geändert. Ich schreibe Songs und ich versuche mich so in ein entstehendes Album reinzuleben und ich stelle die Sachen dann vor, also den Musikern, mit denen ich das Album dann einspiele. Also bei Blumfeld ist im Speziellen mit André (Rattay, Ex-Schlagzeuger und Blumfeld-Mitbegründer) 'ne familiäre, über 16 Jahren gewachsene Struktur da gewesen, aber das ist für mich auch 'n stimmiger Ausdruck dieser Solokarriere. Also, dass diese Familie gerade aufgelöst ist, und dass ich wie ein Tramp oder Hobo allein auf den Straßen unterwegs bin.
Was, meinst Du, sagt André als langjähriger Vertrauter zu Deinem neuen Album?
Oh, ich bin sehr gespannt, wie und ob ihm die Platte gefällt. Es war jetzt auch so, dass ich rund um die Uhr mit der Produktion des Albums beschäftigt war, mit Videos machen, Covers machen, weil ich da ja schon großen Wert drauf leg', dass das alles durch meine Hände geht. Dass ich kaum Zeit hatte, das irgend jemand vorzuspielen. (lacht) Also es gibt so zwei, drei Leute, die mich besucht haben oder die ich besucht habe, denen ich die Platte vorgespielt habe, aber so viele sind das gar nicht.
Weißt Du noch, welcher Song der erste für Dein neues Album war?
Es gab da keinen Grundsteinsong, wohl aber ein Stück, das auch eher zu den rockigeren zählt. Das heißt "Einfach so" und ist auf dem Album gar nicht drauf, obwohl das für die Entwicklung des Albums eine zentrale Rolle gespielt hat. Ich weiß, dass "Jenfeld Mädchen", "Wohin mit dem Hass", "Er" alles Stücke waren, die schnell entstanden sind. Also, ich hatte mir eigentlich nach der Auflösung und nach Beendigung der Live-DVD "Nackter als Nackt" versucht, mir mal so 'ne Auszeit zu verordnen, ohne Musik, um mal wirklich so'n bisschen Abstand zu kriegen. Das habe ich aber nur wenige Wochen durchgehalten und dann gespürt, dass da schon Songs so um mich rumschwirrten.
Das wäre jetzt genau meine Frage, wie kommt ein Song zu Dir?
Ich hab' grundsätzlich immer das Gefühl gehabt und ich hab' das auch nach wie vor, dass - ohne esoterisch wirken zu wollen - die Musik überall ist. Ich fühl' mich davon getragen, auch wenn ich gerade keine Musik mache oder keine Musik höre, sondern einfach einkaufen gehe oder sonstige Sachen mache. Das ist mein Lebensgefühl. Und dann gibt es Fragen, die mich beschäftigen, Gefühlslagen, denen ich nachgehen möchte. Wo ich das Gefühl habe, da ist etwas, was mir etwas über das Leben verrät. Und so lenke ich meine Schritte durch die Tage, so aufmerksam und achtsam wie möglich, was mein Leben und meine Welt und die Musik, in der ich mich fühle, betrifft.
Kommst Du dann vom Spazierengehen nach Hause und dann ist da eine Textzeile - oder wie darf man sich das vorstellen?
Das ist von Stück zu Stück unterschiedlich. Also bei "Wohin mit dem Hass" war das sehr nachvollziehbar. Ich hatte diese Zeile, denn ich hatte schon vor Jahren gedacht: "Komisch, wie zivilisiert das alles hier noch zugeht angesichts der politischen Entwicklung, die die Leute nach meinen Auffassungen immer mehr entrechtet, entwürdigt und in Existenzen drängt." Gleichzeitig aber auch ein Gefühl, dass ich von mir selber kannte und das miteinander zu verhandeln, das miteinander in Beziehung zu setzen, zu gucken, wie setzt sich das zusammen, wo kann man damit hin? Und dann habe ich einfach zu der Musik, die mir dazu eingefallen ist, diesen Text geschrieben.
Dein Album heißt "Heavy", aber ein gleichnamiges Titelstück gibt es nicht. Es gibt vielmehr zwei durchgehende Themenstränge: Midtempo-Liebeslieder und punkige rockige Songs auf der anderen Seite. Wie passt der Titel dazu?
Also zuerst war es so, dass ich beim Schreiben der Stücke keine Vorstellung vom Album hatte, sondern mich einlassen wollte, wie die Songs von selbst entstehen. Und als ich dann das Gros der Songs fertig hatte, noch bevor wir ins Studio gegangen sind, und mit meinem Grafiker Felix Schlüter zusammen saß, und besprach, worum es mir so geht, schoss mir der Begriff "Heavy" durch den Kopf. Und ich dachte, "ah, abgefahren, das klingt ja so leicht dafür, dass es so etwas Schweres meint, und so dieses Himmlische, was darin mitklingt, fand ich auch ganz toll (siehe "Heavenly", Anm. d. Red.). Und so beim Erarbeiten der Stücke im Proberaum war es dann die perfekte Überschrift für die Songs auf dem Album, weil sowohl die hart, heavy wirkenden Stücke gut getroffen sind mit dem Begriff, aber weil für mich auch die Midtempo-, balladesken oder poppigen Stücke auf ihre Art sehr heavy sind.
Du schaffst es auf diesem Album, wie auch schon auf den Vorgängern, Deine Gefühle darzulegen. Du singst auch darüber, um Liebe zu kämpfen, oder wie es ist, in Liebesdingen auf den Abgrund zuzusteuern. Bringt Dir das nicht auch schon mal den Vorwurf der Kitschigkeit ein?
Also, ich bin natürlich schon vielfach dem Vorwurf ausgesetzt gewesen, dass das kitschig sei. Das ist ein sehr deutscher Vorwurf. Ich glaub', dass es aufgrund einer zerstörten, vernichteten Musiktradition von Songwriting und Liedermachertum in diesem Land keine wirkliche Kontinuität gibt, was das A und O beim Liederschreiben ist, nämlich seine Gefühle direkt musikalisch bei dem, was man besingen kann, zum Ausdruck zu bringen. Mir kamen häufig Vorwürfe dieser Art vor wie kleine Kinder, die im Kinderfernsehen sowas gucken wie "Lassie" oder "Flipper" und dann knutschen sich zwei und die reagieren, "Uhh, bäh", so wegguckend. Und die muss ich dann einfach so zurückgeben und finde das 'klemmi', verklemmt, sich seinen Gefühlen nicht stellend. Und ich versuche genau das Gegenteil, mich dem zu stellen und als Songschreiber davon zu singen.
Was treibt Dich an, diesen Job zu machen? Was ist Deine Motivation, ein Singer/Songwriter zu sein?
Mir macht es wahnsinnigen Spaß, es fühlt sich für mich total gut und richtig an, ich bin in der privilegierten Situation, dass ich davon auch einigermaßen leben kann. Ich mag es, live zu spielen, ich mag es, wenn es laut ist, wenn es heiß ist, wenn man schwitzt und die Körper sich bewegen, also das ganz Erotische, Körperliche daran finde ich toll, und das mit anderen zu teilen, macht mich an, find' ich gut.
Welchen Wunsch hast Du für Dich und Deine Musik, was darf sie bewirken?
Ich hab' vielleicht einen etwas vermessenen Wunsch, was meine Musik betrifft. Und damit gar nicht ihre Außenwirkung, da hoffe ich natürlich, dass es vielen Leuten was bedeutet, und sie damit etwas anfangen können. Aber für mich habe ich den Wunsch, dass ich es hinkriege, die Balance zwischen Leben und Musik so zu halten, dass das eine das andere nicht zerstört und dass die Kunst nicht das Leben auffrisst. Dafür gibt's leider nicht so viele Beispiele. Deswegen meinte ich vorhin, dass ich mit dem, was ich da versuche, mehr oder weniger allein bin. Das ist relativ einfach, sich durch die Musik oder Kunstgeschichte zu bewegen und zu gucken, wo sind Leute, die talentiert gewesen sind. Aber die Art, wie die Leute bereit waren, sich an ihren Dämonen festzuhalten statt an den Menschen, die sie lieben und von denen sie geliebt werden, ist halt sehr ausgeprägt. Und darauf hab' ich keinen Bock.
Wie gehst Du mit Kritik um? Liest Du, was über Dich geschrieben steht?
Ich lese in letzter Zeit kaum Artikel, die über mich oder das über das, was ich mache, geschrieben werden. Also, wenn ich von anderen auf was aufmerksam gemacht werde, dann ziehe ich mir das schon mal rein. In der Situation des Interviews selber bekomme ich den Eindruck, wie jemand mich oder das was ich tue, wahrnimmt. Es gibt auch Gespräche, die ich positiver in Erinnerung habe als dann letztlich der Artikel ausfällt. Und ich will mir eigentlich das Angenehme im direkten Gespräch und meine Unbefangenheit auch, vielleicht auch Naivität, bewahren. Wenn ich davon ausgehe, dass, wenn sich zwei Leute zusammensetzen, das schon okay ist. Da hab' ich dann auch so einen Einblick, das reicht mir dann auch.
Danke für das Gespräch!
Das Interview führte NDR 2 Reporterin Kristina Bischoff am 28. September 2009.